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Unter Zensuswahlrecht versteht man ein Wahlsystem, das ein ungleiches Wahlrecht vorsieht. Wählen darf nur, wer gewisse Finanzmittel nachweisen kann. Der Nachweis erfolgt durch Steueraufkommen, Grundbesitz oder Vermögen. In manchen Systemen, wie dem preußischen Dreiklassenwahlrecht, durften zwar auch die Mindervermögenden wählen, ihre Stimme hatte aber weniger Gewicht.

Inhaltsverzeichnis

In antiken Stadtstaaten wie der attischen Demokratie oder der Römischen Republik wurden die politischen Rechte (Teilnahme an der Volksversammlung o. ä.) zu bestimmten Zeiten an ein gewisses Einkommen bzw. einen Mindestbesitz gebunden. Das früheste Beispiel dafür liefert die timokratische Ordnung des athenischen Verfassungsgebers Solon. Folge der Einteilung der Bürger in verschiedene Zensusklassen war, dass für lange Zeit nur die wohlhabendsten Athener die höchsten Staatsämter bekleiden konnten, während den Ärmsten (den Theten) erst unter der Regierung des Themistokles volle politische Beteiligung zugebilligt wurde.

In der wichtigsten Volksversammlung Roms, der Comitia Centuriata, waren alle Bürger auf eine Weise in Zensusklassen eingeteilt, die garantierte, dass die wohlhabenden Bevölkerungsteile (u. a. die Nobilität) in Abstimmungen stets das Übergewicht an Stimmen hatten. So sicherte der Zensus ihnen eine strukturelle Mehrheit gegenüber dem zahlenmäßig weit größeren „einfachen“ Volk (der plebs).

In der Moderne war das Zensuswahlrecht wesentlich von Frankreich geprägt, kam aber auch in anderen Ländern wie Schweden, den USA, Luxemburg, Norwegen oder Spanien zur Geltung. Insgesamt war die Bevorzugung der besitzenden Bürger im 19. Jahrhundert selbstverständlich und bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht ungewöhnlich.

Wie in nahezu allen Wahlregulierungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielten auch in den deutschen Ländern Besitz oder Steuern eine zentrale Rolle. So existierte ein Zensuswahlrecht in den ersten deutschen Verfassungen zu Anfang des 19. Jahrhunderts (beispielsweise laut Verfassung des Königreichs Bayern von 1818 und Verfassungs-Urkunde des Königreichs Württemberg von 1819). Es wurde zur Forderung der liberalen Opposition in der Revolution von 1848/49, während die demokratische Opposition ein gleiches Wahlrecht für Männer nach dem Prinzip „ein Mann – eine Stimme“ forderte. Gemäß dem kurzlebigen Reichswahlgesetz vom April 1849 sollten die Mitglieder der Volkskammer des neu einzurichtenden Reichstags in gleichen und direkten Wahlen nach dem Prinzip der absoluten Mehrheitswahl gewählt werden, der Wahlzensus wäre also beseitigt worden.

Nach der Revolution galt zum Beispiel bei den Wahlen zum preußischen Landtag von 1850 bis 1918 ein neuerliches Zensuswahlrecht in Form des Dreiklassenwahlrechts (Unterteilung in drei Wählerklassen nach Besitz). Auf Reichsebene ab 1871 durften jedoch alle Männer ab 25 Jahren den Reichstag mit gleichem Stimmgewicht wählen. Das allgemeine Wahlrecht für beide Geschlechter wurde vergleichsweise früh nach der Novemberrevolution 1918/19 eingeführt.

Eine theoretische Formulierung des Grundgedankens des Zensuswahlrechts lieferte Justus Möser (1720–1794) in seiner „Aktientheorie“.

In den USA galt ebenfalls ein Zensuswahlrecht. Da die Einzelstaaten das Wahlrecht festlegten, fanden sich viele unterschiedliche Regulierungen, wobei in einigen Staaten bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Zensuswahlrecht herrschte. Häufig wurde das Zensuswahlrecht zur Diskriminierung von Schwarzen eingesetzt, von denen dann mehr Eigentum als von Weißen gefordert wurde. Erst 1871 (und damit im gleichen Jahr wie im Deutschen Reich) erhielten alle Männer auf Bundesebene das Wahlrecht. Allerdings wurden die Afroamerikaner in den 1890er Jahren wieder weitgehend durch Zusatzregelungen ausgeschlossen.

Während der Französischen Revolution wurde das Zensuswahlrecht in die Menschen- und Bürgerrechtsdeklaration aufgenommen, auf die Ludwig XVI. 1791 seinen Eid leistete. Die Jakobiner ersetzten es durch ein Gleichheits-Wahlrecht für Männer. Dieses hatte jedoch nicht lange Bestand. Frankreich wurde führend darin, das Wahlrecht an dem Besitz beziehungsweise an der Steuerleistung auszurichten. Das Zensuswahlrecht unter Napoleon I., das auch für das Rheinland gültig war, gilt als wichtiges Vorbild für das Preußische Dreiklassenwahlrecht.

In einigen Schweizer Kantonen gab es nach den liberalen Revolutionen um 1830 kurzfristig ebenfalls ein Zensus-Wahlrecht besonderer Ausprägung. Es orientierte sich nicht an Steueraufkommen oder Besitz, sondern privilegierte die Bürgerschaft der Hauptstädte gegenüber der Landbevölkerung, die in den Parlamenten nur eine deutlich unterproportionale Vertretung zugestanden erhielt. Dass ein Zensus-Wahlrecht überhaupt vorübergehend existierte, erklärt sich durch die Orientierung der damaligen Schweizer Liberalen an der vorab großbürgerlichen Pariser Julirevolution von 1830, die ebenfalls einen Wahlzensus vorsah. Auch in den katholisch-konservativen Kantonen, wo sich die Revolution nur teilweise durchgesetzt hatte, wurde mit Wahlzensus operiert, der sich vor allem gegen Nicht-Katholiken richtete.

Nach der Russischen Revolution von 1905 wurde das allgemeine Wahlrecht eingeführt.

Zum Kurienwahlrecht siehe Abgeordnetenhaus (Österreich)

  • Heinz Boberach: Wahlrechtsfragen im Vormärz. Die Wahlrechtsanschauung im Rheinland 1815–1849 und die Entstehung des Dreiklassenwahlrechts (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. 15,ZDB-ID 503528-4). Droste, Düsseldorf 1959, (Zugleich: Köln, Universität, Dissertation, 1959).
  • Hans Boldt (Hrsg.): Reich und Länder. Texte zur deutschen Verfassungsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert (= dtv. 4443). Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1987, ISBN 3-423-04443-8.
  • Alexander Keyssar: The Right to Vote. The Contested History of Democracy in the United States. Basic Books, New York NY 2000, ISBN 0-465-02968-X.
  • Fritz Schaffer: Abriß der Schweizer Schweizergeschichte. 9., durchgesehene und ergänzte Auflage. Huber, Frauenfeld u. a. 1972, ISBN 3-7193-0430-2.

Zensuswahlrecht Sprache Beobachten Bearbeiten Unter Zensuswahlrecht versteht man ein Wahlsystem das ein ungleiches Wahlrecht vorsieht Wahlen darf nur wer gewisse Finanzmittel nachweisen kann Der Nachweis erfolgt durch Steueraufkommen Grundbesitz oder Vermogen In manchen Systemen wie dem preussischen Dreiklassenwahlrecht durften zwar auch die Mindervermogenden wahlen ihre Stimme hatte aber weniger Gewicht Inhaltsverzeichnis 1 Geschichte 2 Deutschland 3 USA 4 Frankreich 5 Schweiz 6 Russland 7 Osterreich 8 LiteraturGeschichte BearbeitenIn antiken Stadtstaaten wie der attischen Demokratie oder der Romischen Republik wurden die politischen Rechte Teilnahme an der Volksversammlung o a zu bestimmten Zeiten an ein gewisses Einkommen bzw einen Mindestbesitz gebunden Das fruheste Beispiel dafur liefert die timokratische Ordnung des athenischen Verfassungsgebers Solon Folge der Einteilung der Burger in verschiedene Zensusklassen war dass fur lange Zeit nur die wohlhabendsten Athener die hochsten Staatsamter bekleiden konnten wahrend den Armsten den Theten erst unter der Regierung des Themistokles volle politische Beteiligung zugebilligt wurde In der wichtigsten Volksversammlung Roms der Comitia Centuriata waren alle Burger auf eine Weise in Zensusklassen eingeteilt die garantierte dass die wohlhabenden Bevolkerungsteile u a die Nobilitat in Abstimmungen stets das Ubergewicht an Stimmen hatten So sicherte der Zensus ihnen eine strukturelle Mehrheit gegenuber dem zahlenmassig weit grosseren einfachen Volk der plebs In der Moderne war das Zensuswahlrecht wesentlich von Frankreich gepragt kam aber auch in anderen Landern wie Schweden den USA Luxemburg Norwegen oder Spanien zur Geltung Insgesamt war die Bevorzugung der besitzenden Burger im 19 Jahrhundert selbstverstandlich und bis zu Beginn des 20 Jahrhunderts nicht ungewohnlich Deutschland BearbeitenWie in nahezu allen Wahlregulierungen in der ersten Halfte des 19 Jahrhunderts spielten auch in den deutschen Landern Besitz oder Steuern eine zentrale Rolle So existierte ein Zensuswahlrecht in den ersten deutschen Verfassungen zu Anfang des 19 Jahrhunderts beispielsweise laut Verfassung des Konigreichs Bayern von 1818 und Verfassungs Urkunde des Konigreichs Wurttemberg von 1819 Es wurde zur Forderung der liberalen Opposition in der Revolution von 1848 49 wahrend die demokratische Opposition ein gleiches Wahlrecht fur Manner nach dem Prinzip ein Mann eine Stimme forderte Gemass dem kurzlebigen Reichswahlgesetz vom April 1849 sollten die Mitglieder der Volkskammer des neu einzurichtenden Reichstags in gleichen und direkten Wahlen nach dem Prinzip der absoluten Mehrheitswahl gewahlt werden der Wahlzensus ware also beseitigt worden Nach der Revolution galt zum Beispiel bei den Wahlen zum preussischen Landtag von 1850 bis 1918 ein neuerliches Zensuswahlrecht in Form des Dreiklassenwahlrechts Unterteilung in drei Wahlerklassen nach Besitz Auf Reichsebene ab 1871 durften jedoch alle Manner ab 25 Jahren den Reichstag mit gleichem Stimmgewicht wahlen Das allgemeine Wahlrecht fur beide Geschlechter wurde vergleichsweise fruh nach der Novemberrevolution 1918 19 eingefuhrt Eine theoretische Formulierung des Grundgedankens des Zensuswahlrechts lieferte Justus Moser 1720 1794 in seiner Aktientheorie USA BearbeitenIn den USA galt ebenfalls ein Zensuswahlrecht Da die Einzelstaaten das Wahlrecht festlegten fanden sich viele unterschiedliche Regulierungen wobei in einigen Staaten bis in die zweite Halfte des 19 Jahrhunderts ein Zensuswahlrecht herrschte Haufig wurde das Zensuswahlrecht zur Diskriminierung von Schwarzen eingesetzt von denen dann mehr Eigentum als von Weissen gefordert wurde Erst 1871 und damit im gleichen Jahr wie im Deutschen Reich erhielten alle Manner auf Bundesebene das Wahlrecht Allerdings wurden die Afroamerikaner in den 1890er Jahren wieder weitgehend durch Zusatzregelungen ausgeschlossen Frankreich BearbeitenWahrend der Franzosischen Revolution wurde das Zensuswahlrecht in die Menschen und Burgerrechtsdeklaration aufgenommen auf die Ludwig XVI 1791 seinen Eid leistete Die Jakobiner ersetzten es durch ein Gleichheits Wahlrecht fur Manner Dieses hatte jedoch nicht lange Bestand Frankreich wurde fuhrend darin das Wahlrecht an dem Besitz beziehungsweise an der Steuerleistung auszurichten Das Zensuswahlrecht unter Napoleon I das auch fur das Rheinland gultig war gilt als wichtiges Vorbild fur das Preussische Dreiklassenwahlrecht Schweiz BearbeitenIn einigen Schweizer Kantonen gab es nach den liberalen Revolutionen um 1830 kurzfristig ebenfalls ein Zensus Wahlrecht besonderer Auspragung Es orientierte sich nicht an Steueraufkommen oder Besitz sondern privilegierte die Burgerschaft der Hauptstadte gegenuber der Landbevolkerung die in den Parlamenten nur eine deutlich unterproportionale Vertretung zugestanden erhielt Dass ein Zensus Wahlrecht uberhaupt vorubergehend existierte erklart sich durch die Orientierung der damaligen Schweizer Liberalen an der vorab grossburgerlichen Pariser Julirevolution von 1830 die ebenfalls einen Wahlzensus vorsah Auch in den katholisch konservativen Kantonen wo sich die Revolution nur teilweise durchgesetzt hatte wurde mit Wahlzensus operiert der sich vor allem gegen Nicht Katholiken richtete Russland BearbeitenNach der Russischen Revolution von 1905 wurde das allgemeine Wahlrecht eingefuhrt Osterreich BearbeitenZum Kurienwahlrecht siehe Abgeordnetenhaus Osterreich Literatur BearbeitenHeinz Boberach Wahlrechtsfragen im Vormarz Die Wahlrechtsanschauung im Rheinland 1815 1849 und die Entstehung des Dreiklassenwahlrechts Beitrage zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 15 ZDB ID 503528 4 Droste Dusseldorf 1959 Zugleich Koln Universitat Dissertation 1959 Hans Boldt Hrsg Reich und Lander Texte zur deutschen Verfassungsgeschichte im 19 und 20 Jahrhundert dtv 4443 Deutscher Taschenbuch Verlag Munchen 1987 ISBN 3 423 04443 8 Alexander Keyssar The Right to Vote The Contested History of Democracy in the United States Basic Books New York NY 2000 ISBN 0 465 02968 X Fritz Schaffer Abriss der Schweizer Schweizergeschichte 9 durchgesehene und erganzte Auflage Huber Frauenfeld u a 1972 ISBN 3 7193 0430 2 Abgerufen von https de wikipedia org w index php title Zensuswahlrecht amp oldid 213639470, wikipedia, wiki, deutsches, deutschland,

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